Schloss Holdereggen

Sollte jemand die Frage nach dem Lindauer Ehrenbürger mit dem ausgefallensten Lebenslauf stellen, die Antwort könnte nur Hermann Näher lauten, denn sein Leben trägt den abenteuerlichen Anstrich des mutigen Unternehmers, der sein Glück in fernen Landen machte, um dann wieder in die Heimat zurückzukehren.

Zu großem Wohlstand war Näher als Pflanzer in Sumatra gekommen, den Traum seines Lebens erfüllte er sich schließlich mit dem Bau des Schlosses Holdereggen inmitten des gleichnamigen Parks, wo seit vielen Jahren das Kinderfest für den Ortsteil Aeschach begangen wird.

Es war 1869, als der am 13. Januar 1838 in Aeschach geborene Hermann Näher Lindau verließ, zunächst nach Messina ging und dann zusammen mit einem Freund ins damals noch weitgehend unbekannte Sumatra reiste. Dort erwartete ihn ein Leben im Urwald mit mannigfachen Gefahren und Entbehrungen.

Trotzdem verlor er das Vertrauen in die Zukunft nicht, und seine Standhaftigkeit trug endlich Früchte. Die Fa. Näher und Grob war es schließlich nicht zuletzt, die den Weltruf des Sumatra-Tabaks begründete. Angesichts seines großen Reichtums fehlte es allerdings nicht an Lästermäulern, die hinter vorgehaltener Hand die Meinung vertraten, daß Näher als Sklavenhändler Geld gescheffelt habe.

Fest steht jedenfalls, daß es ihm an Geld nicht mangelte, als er seine Firma 1879 in jüngere Hände übergab, in die Heimat zurückkehrte und zunächst einmal einige Grundstücke, darunter das Holdereggengelände, welches erstmals 1497 in einem Ratsprotokoll als „Holderegk" erwähnt wurde, erwarb.

Hier wollte sich der Tabakpflanzer ein Schloß errichten lassen und beauftragte den Münchner Professor Georg von Hauberrisser, nach dessen Plänen zuvor das neue Münchner Rathaus gebaut worden war. In den Jahren 1884 bis 1902 entstand das Schloß im englisch-normannischen Stil. Mit seinem beherrschenden Turm übertrifft das stattliche Gebäude andere Lindauer Herrensitze, die gleichfalls in jener Zeit errichtet wurden, um einiges.

Das zu einem ausgewachsenem Schloß auch herrschaftliche Nebengebäude gehören, war für Näher eine Selbstverständlichkeit. Dem Stil des Schlosses war sogar das Hühnerhaus angepaßt: Es war eine detailgetreue Nachbildung, bei der selbst der typische Turm nicht fehlte. Und von der Sorgfältigkeit die auf das Gestalten des Parks verwendet wurde, zeugt noch heute der prächtige Baumbestand. Im Jahre 1902 hielt das Ehepaar Näher Eizug ins fertiggestellte Schloß. Hermann Näher verwendete sein Geld jedoch nicht nur zur Verwirklichung seines Traumes und um in Saus und Braus zu leben, er erwies sich als ein großer Wohltäter in den unterschiedlichsten Bereichen, so daß er schließlich zum Ehrenbürger ernannt wurde.

Ob der einstige Tabakpflanzer seine Wohltätigkeit übertrieb oder als Idealist keinen richtigen Bezug zum Geld hatte, ist nicht bekannt - Tatsache aber ist, daß es unter dem Schloßdach allmählich zu knistern begann. Zwar wollte es Hermann Näher nicht wahrhaben und fuhr nach wie vor stolz in seinem Landauer durch die Gegend, doch vermochte er damit nicht seine mißliche finanzielle Lage zu verdecken.

Skrupellose Geschäftsleute hatten den Lindauer Ehrenbürger hereingelegt und damit in tiefste Schulden gestürzt: Alles brach über ihm zusammen und er überlebte diese Misere nicht! Ein aufsehenerregender Bankrott zeichnete sich ab, in den auch die Verwandtschaft mit hineingezogen wurde.

Erst im Mai 1910 gelang es, einen Teil der Konkursmasse an den Mann zu bringen. Nachfolger als Schloßbesitzer wurde Adolf Brougier. Wie Näher zeigte sich auch der Geheimrat als ein Wohltäter der Stadt und ihrer Bürger. Heute gehört das Schloß, in dem die Musikschule untergebracht ist, der Stadt. An Näher erinnert eine stattliche Grabstätte mit einem kunstvoll geschmiedetem Gitter auf dem alten Aeschacher Friedhof.

Die Musikschule Lindau hat seit ihrer Gründung im Jahre 1951 hier ihren Hauptsitz. (Text von Manfred Maurer)